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Bilder und Berichte 2021

Genderdimensionen der Bibel… Rückschau Fernstudiumwochenende „Theologie geschlechterbewusst“

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23.06.2021

Nachdem der aktuelle Jahrgang des Fernstudiums „Theologie geschlechterbewusst- kontextuell neu denken“ im Januar starten konnte, fand nun bereits das dritte Modul zur „Bibel“ unter der Leitung von Prof*in Ulrike Auga und dem Mitwirken der EFiM (für die EKM) und der AKD (für die EKBO) digital statt. Obgleich das Treffen der Teilnehmenden, die aus dem gesamten Bundesgebiet von der Nordsee bis in die Schwäbische Alb kommen, nicht wie geplant vor Ort in Leipzig stattfinden konnte, war „der Osten“ dennoch stark repräsentiert: durch zahlreiche Beteiligte aus den ostdeutschen Bundesländern, u.a. den Partner*innen aus der Ev. Frauenarbeit und Erwachsenenbildung in Sachsen, Peggy Renger-Berka und Kathrin Pflicke. Zum öffentlichen Eröffnungsvortrag am Freitagabend von Prof. Martin Leutzsch unter dem Titel „Prophetin und Apostelin, Jesus die Sklavin, Paulus die Amme ...Genderdimensionen der Bibel“ kamen um die 70 Interessierte zusammen, teilweise aus dem europäischem Ausland. Dass das Thema einer geschlechterbewussten Lesart der Bibel „auf den Nägeln brennt“, zeigte auch das angeregte Gespräch, das noch bis in die späten Abendstunden hineinging.

Dem Referenten Martin Leutzsch, Mit-Initiator und Mit-Übersetzer der Bibel in gerechter Sprache (BigS), gelang es, die kontroversen Genderdebatten der letzten Jahrhunderte in nur einem Vortrag zusammenzufassen. Er zeigte denkwürdige Zusammenhänge von Bibelinterpretationen und jeweiligen genderpolitischen Debatten auf; beispielsweise als zeitgleich mit der Debatte um die Frauenordination Anfang des 20. Jahrhunderts der Name der Apostelin „Junia“ in vielen Übersetzungen in einen Männernamen verwandelt wurde. So selbstverständlich Frauen in der Bibel Führungsrollen inne hatten, Prophet*innen, Richter*innen und offenbar auch Apostel*in waren, an den biblischen Texten mitschrieben, aber auch ihre Gewalterfahrungen thematisierten, so unsichtbar wurden und werden diese Perspektiven und Stimmen noch immer in einer androzentrischen Lesart und in vielen Bibelinterpretationen der Gegenwart. In den letzten Jahrzehnten gab es durch Anstöße feministischer, später männerkritischer, intertextueller u.a. Lektüren wichtige Aufbrüche; dennoch hängt das öffentliche Bewusstsein gerade im europäischen Raum noch weit der Debatte hinterher, auch aktuelle queere oder womanistische Perspektiven dringen kaum in öffentliche Diskurse ein.

Als zentrale Frage kam bald die nach den Kriterien einer Bibelübersetzung auf, da das Christentum als Übersetzungsreligion keine festgelegte Sprachgestalt der Bibel kennt (im Gegensatz zum Judentum und Islam, bei denen die Heiligkeit ihrer Texte an die hebräische bzw. arabische Sprache und Schrift gebunden ist). Die BigS hat, bei aller Strittigkeit, Maßstände gesetzt, indem nicht nur ihre zugrundeliegenden wissenschaftlichen Kriterien und Ziele transparent gemacht wurden (beispielsweise „soziale Gerechtigkeit“ und „Gerechtigkeit in Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog“) , sondern auch die Vielstimmigkeit der Bibel selbst und die Bedeutungsnuancen des Ausgangstextes auch in der Übersetzung dargestellt werden, beispielsweise durch alternierende Übersetzungen des Gottesnamens (neben „Gott“ wird u.a. auch „Gottheit“, „Adonaij“, „Du“ „Scheschina“ „Ewige“, „ICH-BIN-DA“ übersetzt).

Wie nötig solche wissenschaftliche Transparenz der Übersetzung immer noch ist, zeigt sich exemplarisch auch darin, dass die aktuelle Revision der Lutherbibel im Neuen Testament geschlechtergerecht mit „Schwestern und Brüdern“ übersetzt, im Alten Testament aber bei den „Söhnen“ bleibt und die "Töchter" außen vorlässt, was sich exegetisch nicht rechtfertigen lässt. Auch die ansonsten gelungene Übersetzung der Basis-Bibel holt die Vielfalt der Gottesbilder im Gottesnamen nicht ein und bleibt allein bei einer androzentrischen Lesart.

So zeigt sich, dass auch im 21. Jahrhundert die BigS eher ein Anstoß und Auftakt zu einer nötigen Debatte ist, die erst begonnen hat und lange nicht abgeschlossen ist. Diese Debatte braucht es, nicht etwa um mit der Bibel etwa gesellschaftspolitische Interessen zu legitimieren, sondern um verantwortlich gegenüber der Vielgestalt der Bibel zu bleiben und die eigene, von der Gegenwart geprägte, Hermeneutik kritisch zu reflektieren und auch Instrumentalisierungen der Bibel zu erkennen.

Diese zahlreichen Impulse und Diskurse konnten am Samstag und Sonntag im Rahmen des Fernstudiums aufgenommen und vertieft werden. Nach spirituellen Impulsen am Morgen ging es unter der Leitung von Martin Leutzsch und Ulrike Auga vertieft um die Fragen der Übersetzungskriterien und sozialgeschichtliche und intertextuelle Lesarten, wobei insbes. auch anstößige Bibelstellen zur Homosexualität oder dem Schweigegebot der Frauen diskutiert wurden. Hier zeigte sich einmal mehr, wie wichtig eine reflektierte Bibelhermeneutik ist.

Über die Frage einer Hermeneutik hinaus, stellte sich bald die Frage nach anderen erfahrungsbezogenen Zugängen resp. einer „performativen Hermeneutik“. Wie kann man „diesseits der Hermeneutik“ Sprachräume der Bibel erklingen lassen? Wie durch performative Zugänge das befreiende Potential der Bibel erwecken? Dass manches nicht allein auf Ebene einer rationalen, textlichen Argumentation verhandelt werden kann und es eine andere, performative Praxis und Sprachpraxis braucht, um auch verletzenden machtvollen Realitäten zu begegnen, zeichnete sich an den Gesprächen am Sonntag deutlich ab. Diese Einsicht korrespondiert mit aktuellen Fragestellungen kirchlicher Praxis (z.B. Umgang mit verletzenden Erfahrungen im Kontext von Kirche und Liturgie) und wird die Teilnehmenden des Fernstudiums weiter beschäftigen. Hoffen wir, dass diese fundierten Lernerfahrungen in die kirchliche Praxis und die Gemeinden zurückfließen…

Bericht: Nicole Breithaupt

Zugehörige Dokumente:
docx-Icon des Dokumentes 2021_Theol_Fernstudium_Modul Bibel Rückschau (*.docx-Datei, 18 KB)