zum Inhalt

Frauenpolitik

Dunkelfeldstudie zu Gewalt veröffentlicht

Gewalt

18.02.2026

Jedes Jahr liefern die polizeilichen Kriminalstatistiken neue Zahlen über Gewalt an Frauen — das sogenannte Hellfeld. Seit Jahren steigen die Zahlen kontinuierlich. Die im Februar 2026 veröffentlichte Dunkelfeldstudie LeSuBiA (Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag) bestätigt nun, was wir lange befürchteten und auch andere Studien schon zeigten: Das Dunkelfeld, also die Gewalterfahrungen von Menschen, die nicht zur Anzeige gebracht werden, ist deutlich höher. Dabei nimmt die Studie eine geschlechterübergreifende Perspektive ein und beleuchtet das Ausmaß sowie die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Gewalterfahrungen. Die Studie zeigt deutlich, dass Frauen insgesamt häufiger und schwerer von Gewalt betroffen sind — über alle Gewaltformen hinweg.


In Bezug auf Gewalterfahrungen in (Ex-)Partnerschaften erleiden Frauen mehr Verletzungen, schätzen die Lebensgefahr größer ein und empfinden stärkere Angst. Sie sind in stärkerem Maße von sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Stalking betroffen. Frauen werden auch häufiger Opfer von mehreren Delikten. Zudem erlebt jede dritte Frau emotionale Gewalt im Laufe ihres Lebens.
Die Anzeigequote liegt bei fast allen Gewaltformen bei unter 10 Prozent. Bei psychischer und körperlicher Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegt sie sogar bei unter 5 Prozent.


Die Gewaltbetroffenheit weist einen ausgeprägten Zusammenhang mit dem Lebensalter auf. Jüngere Personen sind bei nahezu allen Gewaltformen signifikant häufiger betroffen als ältere, insbesondere im Bereich digitaler Gewalt und sexueller Belästigung. Demgegenüber zeigt sich bei Personen mittleren Alters eine erhöhte Prävalenz ökonomischer Gewalt.


Zudem weisen die Ergebnisse eine erhöhte intersektionale Betroffenheit auf: LSBTQIA*-Personen sowie Menschen mit Migrationshintergrund – insbesondere Frauen mit Migrationsgeschichte – sind bei nahezu allen Gewaltformen überdurchschnittlich häufig betroffen.


Die Studie zeigt: Gewalt gegen Frauen ist weiterhin auf einem hohen Niveau. Sie findet im Alltag vieler Frauen* und Mädchen* statt. Viele Betroffene erstatten oft aus Angst oder Scham keine Anzeige. Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen. Sie ist Realität im Alltag — in (Ex-)Partnerschaften sowie im öffentlichen und digitalen Raum. Und sie ist Ausdruck struktureller Ungleichheit. Wer jetzt nicht handelt, nimmt in Kauf, dass Frauen weiterhin in Unsicherheit leben.


Der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt fordert:

  • Die Umsetzung der Istanbul-Konvention muss konsequent und vollumfänglich vorangetrieben werden.
  • Es bedarf einer flächendeckenden und langfristig angelegten Aufklärungs- und Präventionsarbeit bereits ab dem Kita-Alter. Dazu gehört insbesondere die frühzeitige Auseinandersetzung mit und Dekonstruktion von Geschlechterstereotypen sowie geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen, um gewaltbegünstigenden Denkmustern nachhaltig entgegenzuwirken.
  • Es müssen verpflichtende Schulungen für Polizei, Justiz und Fachkräfte eingeführt werden.
  • Verbindliche Risikofallanalysen müssen mit allen beteiligten Ebenen (Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendämtern, Familiengerichten etc.) stattfinden und Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen gemeinsam und schnellstmöglich umgesetzt werden.
  • Betroffene müssen besser geschützt und unterstützt werden, durch Aufklärungskampagnen und ein flächendeckendes und ausfinanziertes Hilfesystem.
  • Zivilcourage und Verantwortung im sozialen Umfeld und Solidarität mit Betroffenen.

Der Landesfrauenrat begrüßt den Beschluss der Bundesregierung zur Reform des Gewaltschutzgesetzes sowie die Einführung der elektronischen Aufenthaltsüberwachung in Fällen häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Dunkelfeldstudie zeigt aber deutlich: Das Ausmaß nicht angezeigter Gewalt ist weiterhin erheblich. Betroffene benötigen einen verlässlichen, niedrigschwelligen und diskriminierungsfreien Zugang zu Unterstützungs- und Beratungsangeboten. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Zugangsbarrieren abzubauen, Vertrauen in Hilfestrukturen zu stärken und so die Sichtbarkeit von Gewaltbetroffenheit zu erhöhen.


Michelle Angeli, Vorsitzende des Landesfrauenrates dazu: „Die Ergebnisse der LeSuBiA-Studie sind ein erneuter Weckruf. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Hinter jeder nicht angezeigten Tat steht eine Geschichte von Angst, Scham, Ohnmacht – und oft von fehlender Unterstützung. Dass so viele Betroffene schweigen, ist kein individuelles Versagen. Es ist ein gesellschaftliches.“