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Frauenpolitik

Gedenken neu denken

Susanne Siegert

10.02.2026

In Kooperation mit der Gedenkstätte ROTER OCHSE, der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt und den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland stellte die Journalistin und Content Creatorin Susanne Siegert ihr erstes Buch „Gedenken neu denken“ vor. Schnell wurde deutlich: Diese Veranstaltung handelte nicht von „damals“ und nicht von „den anderen“. Sie handelte von uns. Von unseren Orten, unserer Sprache und unserer Verantwortung.

Susanne Siegert arbeitet bewusst niederschwellig – vor allem mit Archiven und mit eher unbekannten Tatorten, die oft mitten unter uns liegen. Onlinearchive, die heute für alle zugänglich sind, versteht sie als stille Einladung, selbst hinzuschauen. Was lange weit weg schien, rückt plötzlich sehr nah. Verbrechen, die man gedanklich an andere Orte verlagert hatte, betreffen konkrete Nachbarschaften und Lebenswelten. „Das Mühldorf der Opfer ist auch mein Mühldorf“ – dieser Satz blieb hängen, weil er zeigt, wie tief Geschichte in unsere Gegenwart hineinragt.

Ein zentrales Motiv der Lesung war der Umgang mit Erinnerung und Gedenken. Siegert plädiert nicht für einen Schlussstrich, sondern für einen Trennstrich. Nicht abbrechen, sondern weiterdenken. Gedenken versteht sie als etwas, das ergänzt werden darf – durch neue Worte, neue Perspektiven und neue Stimmen. 

Besonders eindrücklich war ihr Blick auf Täterschaft. Je grausamer die Verbrechen, desto größer scheint oft unser Bedürfnis nach Distanz. Täter*innen werden dämonisiert, als grundsätzlich „anders“ markiert. Doch genau das kann gefährlich sein, weil es entlastet. Es verschiebt Verantwortung und beruhigt das eigene Gewissen. Auch der Blick auf NS-Täterinnen machte deutlich, wie stark Geschlechterbilder unsere Wahrnehmung prägen. Täterinnenschaft wird häufig dämonisiert oder sexualisiert – man denke nur an die Kommentare über Aussehen und Sexualität von Ilse Koch, einer Aufseherin im KZ Buchenwald. Als müsste eine Frau erst „keine richtige Frau“ sein, um grausam handeln zu können.

Gleichzeitig verwies Siegert auf spezifische Erfahrungen, die weibliche oder queere Opfer in besonderer Weise erlitten haben: sexualisierte Gewalt, Zwangsabtreibungen, Scham, die bis heute nachwirkt. Erfahrungen, die lange kaum benannt wurden – und deren Sichtbarmachung Teil eines erweiterten Gedenkens ist.

Am Ende blieb eine ermutigende Botschaft: Jede und jeder kann Gedenkarbeit leisten. Sie muss nicht groß, nicht öffentlich und nicht perfekt sein. Manchmal beginnt sie mit einer Recherche. Mit einem Namen. Mit einem Ort, an dem man nicht mehr achtlos vorbeigeht.

Die Lesung im Roten Ochsen war keine einfache, aber eine notwendige Zumutung. Eine, die nicht beschwert, sondern wach macht. Und die zeigt: Gedenken ist nichts Abgeschlossenes. Es ist ein Prozess. Und wir sind mittendrin.